La mer gelée

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  Dein Herz treibt dich aus dir heraus, dein Herz ist hinter dir her, und du stehst fast schon außer dir und kannst nicht mehr zurück. Wie ein Käfer, auf den man tritt, so quillst du aus dir hinaus, und dein bisschen obere Härte und Anpassung ist ohne Sinn.
 
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Charles Baudelaire

PATHOGRAMM

Baudelaire färbte sich die Haare grün. schwelgte in Gerüchen (auch üblen), war impulsiv und wollte den Stiefvater erdrosseln. Er nahm Opium sowie Haschisch und hatte zeitweise Depressionen mit schweren melancholischen Zuständen, Wein-Missbrauch. Im Haschischrauch erlebte das Genie den Höhepunkt seiner Ich-Welt. Baudelaire hatte Kastrationsängste und Angst. impotent zu werden. Potenzstörungen lassen sich aus einem Traum ableiten. Exhibitionistische Triebe, Fußfetischismus und deutliche homosexuelle Neigungen. Sado-masochistisch sowie analerotisch betonte homosexuelle Tendenzen. Mechanismen der Selbstbestrafung. Ödipuskomplex und sexuelle Hemmung. Baudelaire war Voyeur und Fetischist, zeigte Tendenzen zur Selbstbestrafung bis hin zur Syphilis, die er sich beinahe freiwillig zuzog. Sein dandyhaftes Auftreten ist mehr oder weniger als Abwehrmittel gegen seine Schüchternheit zu sehen.
Baudelaire ist der Dichter der Düfte und Gerüche nicht jener Bilder, die voll phantastischer und geisterhafter Formen in den tiefsten Kammern der Seele beheimatet sind. Er kam zu Gift, weil er krank war: seelenkrank mit zerrissenem Herzen. Psychasthenie. Seine scherzhafte Selbstbeschuldigung des Vatermordes erscheint unbewusst richtig [auf dem Hintergrund des Ödipuskomplexes].
Seite 1961 Lues cerebri: Der Dichter litt unter Schwindelanfällen, Konvulsionen (wohl epileptischer Natur), Kopfschmerzen, Erbrechen und Aphasie unter der Symptomatik der reinen Wortsumme. Umschriebene cerebrale Herdaffektion vaskulären Ursprungs, nicht Paralyse. Die epileptiformen Anfälle und Depressionen sind im Zusammenhang mit der Toxikomanie des Dichters zu sehen. Die Schwermut auf seiner Erkrankung führte er auf sich selbst zurück; die im letzten Lebensjahr erlittene Hemiplegie (halbseitige Lähmung) syphilitischer Natur.
Nervöse Krämpfe, Paralyse, gelähmt, aphasisch. Tod nicht an Paralyse, sondern an syphilitischer Erkrankung der Hirngefäße, durch welche die Apoplexie (Hirnschlag) verursacht wurde. Tod in Paralyse, jedoch Intelligenz bis zum Ende wenig gestört. Die Behauptung Lombrosos, dass Baudelaire in paralytischer Idiotie geendet habe, ist unrichtig. Tod an cerebraler Erweichung mit rechtsseitiger Hemiplegie und Aphasie. Paralyse zwei Jahre nach Ankunft in Brüssel.
Nach Baudelaires eigener Behauptung waren unter seinen mütterlichen Vorfahren Idioten und Wahnsinnige. Nahm Opium und Haschisch. Alkohol- und Opiumabusus, besonders in den letzten Lebensjahren. Baudelaire begabt mit l'audition colorée [farbenfrohes Hören]. Bisher unberücksichtigt blieb die Erkrankung seines Halbbruders, der ebenfalls halbseitig gelähmt starb, im Zusammenhang mit Baudelaires Todeskrankheit. Von Interesse wäre auch die Todeskrankheit des Vaters. Darüber hinaus ist die Aussage des Dichters, seine mütterlichen Vorfahren seien Idioten und Wahnsinnige gewesen, nicht allzu hoch einzuschätzen, da er sogar seine Eltern als Idioten und Wahnsinnige bezeichnete, wobei aber die Familie Mauriac gemeint ist. Die familiäre Vorgeschichte weist eine Prädisposition zu arteriellen Hirnstörung auf. Nach 1839 begann seich sein Gesundheitszustand unter der Einwirkung einer Syphilis, des Alkohols und des Opiums progressiv zu verschlechtern. Dabei kommt man zu vier symptomatischen Kategorien innerhalb der Krankheitsgeschichte:
1. Ein Angegriffenwerden von Haut und Schleimhäuten (1839-1850)
2. Beschwerden in den Eingeweiden (von 1847 an)
3. neuro-psychische Erscheinungen (von 1854 an)
4. Hemiplegie und Aphasie (1866)
Obwohl diese Störungen scheinbar chronologische auftreten, überscheiden sie sich alsbald und spiegeln ein mehrschichtiges klinisches Bild toxischen und infektiösen Ursprungs. Ab Frühjahr 1841 Syphilis und von 1860-1965 psychoasthenische Symptome bei erhaltenen intellektuellen Fähigkeiten, obwohl sich Baudelaire subjektiv geistig krank fühlte. Eine progressive Paralyse kann ausgeschlossen werden, zu denken wäre an einen arteriellen Hochdruck, an eine Artherosklerose oder eine Thrombangiitis obliterans vom Typus Winiwarter-Buerger [beginnende Entzündung der inneren Gefäßwandschichen mit bindegewebiger Verödung usw.], doch lässt sich keine sichere Diagnose - aufgrund der äthiologischen Probleme geben. Die Krankheit Baudelaires wird immer rätselhaft bleiben. Bereits mit dreißig Jahren war der Dichter körperlich erschöpft.

PSYCHOPATHOGRAPHISCHE WERTUNG

Groß, asthenisch, schizothym bei ausgeprägter Introversion des Handelns. - Charakter- bzw. Wesenszüge: Reizbarkeit, unstet, sinnlich, erotisch, sachbezogen, leidenschaftslos, selbstzerstörerisch, hilfsbereit, schwermütig, Nonkonformismus, Einsamkeit, Hochmut, Trotz, frauenfeindlich, Hass, träumerisch, Zorn, Trauer, objektiv, verschwenderisch, Sensualist, ausschweifend, masochistisch, treu. - Psychodynamisch dominant: Melancholie, Hass und Einsamkeit. - Funktionstypologisch: introvertierter Denk- und Fühltypus. - Dominante Temperamentsfaktoren: Sorglosigkeit, Depressivität und Schüchternheit. - Intelligenz: überdurchschnittlich. - Begabungstyp: produktiv literarische Begabung (bei verdecktem Talent). - Produktionsprozess: zähflüssig [geduldiges und mühseliges Schaffen]. - Grundstimmung: lyrisch.


Aus: Wilhelm Lange-Eichbaum
Genie, Irrsinn und Ruhm
7. neubearbeitete Auflage (besorgt von W. Ritter)
zuerst gedruckt: 1927



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